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Dorothea trifft...Interview mit A. Iselin

ICH BIN KEINE KÜNSTLERIN, ICH MALE EINFACH GERNE.......


anja_1Ihre Bilder erzählen oft Geschichten. Sie regen den Betrachter an, sich in ihre Geschichten hineinzudenken und sich Überlegungen anzustellen über die dargestellten Personen und die Szene. Charakteristisch für ihre Malweise ist die vielschichtige Überarbeitung ihrer Gemälde in Öl.
Ich habe mit der Malerin A. Iselin, die in Köln als Psychoanalytikerin für Kinder  arbeitet, gesprochen :

Wie bist Du zur Kunst gekommen?
Ich bin keine Künstlerin. Ich male einfach gerne. Für Worte und Farben interessiere ich mich, seit ich denken kann. Sie sind  mein Lebenselixier, der symbolische Saft, der mich am Leben hält. Als winziges, dreijähriges Mädchen ,das weiß ich noch, ließ ich einen Stift über den Bogen schwingen und sah zu, wie Schleifen entstanden. Ich kann mich deutlich an dieses Schwingen erinnern, was auf dem Papier meine Bewegungen nachvollzog. Es war wie Tanzen auf dem Papier, es war unendlich schön, dass es so geschah.

Die Zeichen auf dem Papier übten eine Faszination auf Dich aus?
Ja, es war wie eine Antwort- ohne dass eine Frage gestellt wurde. Ich liebe diese Verbindung aus Bewegung, Versenkung und zurückblickenden Zeichen noch heute.

Wann  begannst Du zu zeichnen?
Als ich 10,11 Jahre alt war, entdeckte ich, dass ich gut zeichnen konnte. Ich machte Muster und Ornamente und hinterließ sie überall. Das Zeichnen hatte und hat bis heute eine narkotisierende Wirkung auf mich. Es macht mich ruhig.

Hast Du eine künstlerische Ausbildung absolviert?
Als ich die Schule beendet hatte, verfolgte ich kurzfristig den Plan an die HDK nach Berlin zu gehen. Ich war dort und wurde mit meiner Mappe in eine Vorauswahl aufgenommen – aber ich floh, sobald es dingfest wurde. Damals war ich emotional sehr instabil.

Hast Du trotzdem weitergemalt?
 Nein, mit dem Malen hörte ich auf, da ich mutlos war und keine Motive und Ideen hatte. Das Zeichnen behielt ich aber bei, insbesondere in Krisenzeiten half es mir, mich zu erden. In dunklen Stunden fertigte ich bevorzugt Selbstportraits an, und holte mich so zurück in das Konturierte, in die Form. Vor zwei Jahren begann ich , plötzlich, nach drei Jahrzehnten, wieder zu malen.

Wie kam es dazu?
Ich habe einen guten Freund ,der – im Gegensatz zu mir –ein Künstler ist! Ich kenne keinen Menschen, der so sehr die Gabe besitzt, andere ganz selbstverständlich zum Malen zu bringen und ihre Schöpferkraft fließen zu lassen. Wer in seiner Nähe ist, beginnt zu malen. Ich begann mit einem Malbuch, in dem ich Zeichnungen mit Buntstift anfertigte, experimentierte auch mit der Aquarellmalerei. Nach einem Jahr zog es mich zur Ölfarbe. Ich wusste immer : das ist meine Farbe. Wie man mit den Farben umgeht, brachte ich mir selber bei. Mein Freund, der mich stetig unterstützte, baute mir die Leinwände. Lange Zeit versteckte ich alles, was ich male. Inzwischen ertrage ich es, dass andere meine Bilder sehen.

Wovon lässt Du Dich inspirieren?
Ich lasse mich inspirieren von dem, was gerade zu mir kommt: eine Fotographie ,Gegenstände des Raumes, in dem ich sitze, eine Phantasie Ich nehme einfach, was im Augenblick ist: ein Foto von einer meiner Töchter,  die Schubkarre, in die ich einen Apfel legeanja_4, bestimmte Muster auf der Grundierung der Leinwand, aus denen sich z.B. archaische Tierwesen herausschattieren. Manchmal nehme ich auch einen Traum, den ich hatte.

Du lässt Dich von Deinem Unterbewusstsein leiten?
Ja, und als Analytikerin bin ich von der schöpferischen Kraft des Unbewussten, das sich in Bildern und Symbolen ausdrückt, tief beeindruckt!

Denkst Du beim Malen?
Nein, und das ist das Beste am Malen : ich denke nicht, ich nehme mir nichts vor, ich lasse mich leiten. So gesehen ist es eine Art Meditation, eine Versenkung, eine Reise mit dem Unbewussten. Ja, ich fühle mich, wenn ich auftauche oft wie von einer Reise zurückgekehrt. Einer anstrengenden, aber tollen Reise..

Zum  Malprozess: Planst Du? Hast Du zum Beginn eine vage Vorstellung vom Bild oder folgst Du einfach Deinen Empfindungen?
Ich habe zwei verschiedene Arten zu malen. Die eine ist motivbezogen und sehr gestalthaft und das andere ist einfach intuitiv mit der Farbe anfangen, dann etwas hineinritzen oder dem folgen, was da entsteht.
Neuerdings habe ich beobachtet, dass ich rationaler einsteige. Ich habe oft ein Motiv im Kopf, das mich sehr interessiert, womit ich dann anfange, alles andere entwickelt sich dann.
Ich überlasse mich, wenn man so will, dem Zufall, der in Wirklichkeit ein Prozess ist. Ich male so lange weiter, bis ich etwas auf dem Bild sehe, was mir gefällt.

Du überarbeitest jede Bildpartie solange, bis sie in die Grundstimmung oder Grundaussage passt?
Das ist das Problem : Ich kann nicht sagen, dass ich fertig bin. Ich kann das Bild immer weiter überarbeiten. Es gibt keinen Punkt, wo du sagst :es ist fertig so. Viele Bilder verschwinden unter neuen Bildern, weil ich manchmal auf einer Leinwand bis zu zehn Bilder übermale. Ich muss das Bild dann wirklich abhängen und an einem anderen malen. Es ist auch relativ häufig so, dass mich meine Umgebung stoppt und sagt : jetzt hör damit auf, warte erst mal ab und stelle es weg für ein halbes Jahr und dann schau es Dir wieder an. Aber immer, wenn ich meine Bilder sehe, möchte ich sofort einen Pinsel nehmen und wieder anfangen.

Was für eine Rolle spielt in dem Zusammenhang die Zerstörung?
Es wird am laufenden Band, das, was entstanden ist, wieder zerstört. Ich habe auch noch viele Bilder im Kopf, die ich gemalt habe, die nicht mehr existieren. Der Mut zur Zerstörung gehört dazu. Ich würde sagen: Malen hat unheimlich viel mit MUT zu tun Mananja_2 muss auch den Mut haben, etwas zu zerstören und sich etwas zu erarbeiten.

Dient diese vielschichtige Überarbeitung dazu, in tiefere Bewusstseinsschichten vorzudringen?
Ja, die verschiedenen Ebenen zeigen die verschiedenen Zustände. Ich bin ja der festen Überzeugung, dass in einem Augenblick das ganze Leben enthalten ist und das arbeite ich sozusagen heraus.

Der Weg geht von Außen nach Innen?
Der geht von Innen nach Außen und von Außen nach Innen. Das passiert wechselseitig ununterbrochen. Ich würde nicht sagen, dass ich die eine Richtung oder die andere einschlage, sondern dass ich ständig beide einschlage.

Welche Themen findet man in Deinen Bildern?
Bäume, Gesichter, Stilleben von Menschen und Gegenständen.
 
Fangen wir mit den Gesichtern an. Was fasziniert Dich an Gesichtern?
Wo ich gehe und stehe ,versenke ich mich in den Anblick von Gesichtern. Ich kann von ihnen nicht genug bekommen. Ich schaue, wie die Schatten im Gesicht eine Landschaft kreieren. Ich schaue auf die Augen, die umrahmt und eingebettet in unglaublichen Formenvarianten wie Fische oder wie Tropfen, das Gesicht beherrschen .Der Gesamteindruck von Gram oder Anmut. Am liebsten schaue ich auf Gesichter, die still sind, nicht in Bewegung, in irgendeiner Form abgewandt, für sich, in Einkehr.

Was fesselt Dich an Bäumen?
Der Baum ist für mich ein Symbol des Lebens und der Schöpferkraft. Immer wieder träume ich nachts von Bäumen, die sich in alle Richtungen verzweigen : ich sehe Bäume, die sich in alle Richtungen verzweigen, ich sehe Bäume, die in Häusern aus Steinböden herausbrechen und alles sprengen. Oder Bäume, die in Farbe vor einer wüstenartigen Landschaft erglühen.

Was ist mit den Stilleben?
Den eine Augenblick zu zeigen, der das ganze Leben enthält, interessiert mich. Deshalb liebe ich  Stilleben und möchte mich viel mehr dem Malen von Stilleben widmen. Ich bin eine Ästhetin und eine große Verehrerin des handwerklichen Könnens, die in den großen Stilleben steckt, wie z.B. einem von Goya, Stilleben mit Lachs, oder in einem von van Dyck,“ Tisch mit Käse und Obst.“ Das Symbolhafte der Blume oder der Essensszene, der Augenblick, der Werden und Vergehen enthält. In meinen  Stilleben male ich oft Menschen, deren Konstellation ich mir vorher nicht überlegt habe.

Hast Du einen roten Faden oder ein Leitthema?
Ich befürchte, ich habe einen Leitfaden, ohne einen Leitfaden haben zu wollen. Der Leitfaden mag tatsächlich die Beziehung von Menschen untereinander oder in der Natur sein. Sehr häufig kommen Frauen vor- das fällt mir aber erst im nachhinein auf. Es gehtanja_5 vielleicht auch um die Beziehung zwischen Mutter und Kind als Grundfigur.

Welches Deiner Bilder ist Dein Lieblingsbild und weshalb?
Im Augenblick mag ich ein Bild von mir, auf dem ich mich mit meinem ersten Kindermädchen, meiner Ersatzmama gemalt habe. Man sieht auch ein Mädchen, das die Arme hochreißt, gegen die andere Szene gestellt. Nichts passt zusammen. Ich mag das Bild trotzdem, weil Licht drin ist und Seele. Es ist lebendig, enthält drei Bilder in einem, was ich sowieso nicht lassen kann: ganz unten wie durch ein Fenster ist eine kleine, in der Abenddämmerung versunkene Feldszene zu sehen, mit einem Weg, der dahin führt, wo wir herkommen.

Die Malerei zeigt oft auch die Schattenseiten des Daseins, die Abgründe, das Leiden, den Schrecken. Was spielt das für eine Rolle in Deinem Werk? Wie wichtig ist Dir in diesem Zusammenhang Harmonie und Ästhetik?
Ich denke, dass die Schattenseiten, weil ich mich von meinem Unbewussten leiten lasse, sehr stark zum Zuge kommen, häufig in den Farben, die sich vordrängen und die dann den Hauptton im Bild angeben. Es sind sehr häufig die Blau- und die Grüntöne. Das ist etwas,  was ich manchmal auch ärgerlich finde, weil ich eigentlich gerne einmal eine andere Leichtigkeit und Helligkeit in meinen Bildern hätte- und dann kommt das wieder herein.
Sehr viel von den Schattenseiten und von den Disharmonien ist in meinen Bildern wiederzufinden, weil ich sie auch aus meinem Leben überhaupt nicht ausschließe, sondern im Gegenteil versuche einzubinden.

In vielen Deiner Bilder dominiert die Farbe Blau. Welche Bedeutung hat sie für dich?
Ich würde sagen – auch da wieder nicht bewusst- aber Blau ist die Farbe der Trauer, der Melancholie, der Einkehr, ein bisschen die Nähe zur Nacht, wo man nicht mehr rausgeht und alles betrachtet und mehr in der Welt ist, sondern bei sich ist. Blau ist, wie ich finde, eine sehr schwere Farbe, aber auch die Farbe der Treue.

Welche Rolle spielt das Licht  in Deinen Bildern?
Ich bin eine ständige Beobachterin des Lichts. Ich schaue in jeder Sekunde: wo und wie fließt das Licht, welche Wärme, welche Kälte hat es, was macht es mit den Konturen der Gegenstände, was macht es mit den Farben, wie bedingen die Farben einander und dann wiederum das Licht und umgekehrt. Das ist etwas, was mich unglaublich fasziniert, was ich in Fotografien suche. Was ich auch manchmal einfach nur anschaue, indem ich mich in unseren Garten in unser Landhaus setze und einfach stundenlang nur beobachte, was mit dem Himmel passiert, mit dem Horizont in Angrenzung zu den Bäumen untendrunter.  Ich versuche, das Licht in meine Bilder zu bringen..

Was willst Du beim Betrachter auslösen ?
Ich denke, ehrlich gesagt, gar nicht oft an den Betrachter meiner Bilder, sondern ich male einfach. Aber ich finde es immer interessant, wenn ein Betrachter sich dazu äußert, was er für Geschichten in meinen Bildern sieht. Im Grunde genommen will ich vielleicht eine Geschichte erzählen. Ich schreibe auch sehr gerne und schreibe wirklich Geschichten und vielleicht tue ich das im Malen ja auch.  

Haben Deine Geschichten einen literarischen Bezug?
Nicht direkt, nein. Ich bin allerdings eine Lesende. Ich lese die ganze Zeit Geschichten, Romane und Philosophiebücher. Ich lese sehr gerne. Deshalb kann es sein, dass etwas davon einfließt. Ich weiß z.B. , dass ich auf einem Bild eine Mutter mit zwei Kindern gemalt habe, mit einem abwesenden Blick in einer märchenhaften Landschaft. Dieses Bild habe ich gemalt, als ich dabei war, „das Schmetterlingstal“ – das ist eine Sonettsammlung von meiner sehr verehrten Dichterin Inger Christensen- auswendig zu lernen. Ich habe im nachhinein gefunden, dass ich „das Schmetterlingstal“ gemalt habe. Außerdem hatte die Frau, die ich gemalt habe, Züge von Alice Munro ,einer Erzählerin, die ich sehr liebe.

Welche Formate haben Deine Bilder?
Das ist sehr unterschiedlich. Es beginnt bei kleinen Bildern, die vielleicht 30 x 30 cm sind und geht bis zu 1m x 2m oder 2 m x 2m. Ich habe meinen  Künstlerfreund, der mir Leinwände baut. Da sind alle möglichen faszinierenden Formate drunter :es sind teilweise asymmetrische Leinwände, runde Leinwände und die sind meistens schief und krumm.

Welche Maler haben dich am meisten beeindruckt und beeinflusst?  Welche Vorbilder hast Du?
Ich habe Vorbilder ohne Ende! In jeder Lebenszeit habe ich andere Maler, die mich faszinieren. Ich müsste jetzt damit anfangen, als ich ganz jung war. Als ich sehr jung war, hat mich Dürer beeindruckt, dann aber auch die Expressionisten. Ich liebe auch die niederländischen, flämischen Maler, dieses Mittelalter im Übergang von  der Märchenhaftigkeit zu dem sehr Realistischen. Gleichzeitig fesselt mich auch die Moderne : Lüppertz , Gerhard Richter ,Neo Rauch. Neo Rauch bewundere ich nicht wegen seiner Motive oder wegen seiner Malerei, sondern wegen seiner Technik. Seit ein paar Jahren bin ich ein echter David Hockney Fan. Ich liebe seine Naturbilder. Er verbindet für mich die Ernsthaftigkeit handwerklichen Könnens mit der Hingabe an die Farbe, die beinahe ins Naive abgleitet.

In welche Richtung möchtest Du weitergehen?
Mein größter Wunsch ist es, die Technik des Ölmalens gut zu erlernen .Ich denke, das wird noch sehr lange dauern, denn ich bin ja Autodidaktin.  Ich liebe es auch, das Licht zu erforschen. Das will ich in Zukunft noch mehr tun !

Dein Ziel ist die Auseinandersetzung mit den technischen Grundlagen der Malerei?
Ja, und das ist für mich ein sehr faszinierender Prozess: Technik mit der Intuition zu kombinieren. Das ich etwas, was ich als sehr beglückend erfahre. Es ist wie einen Tanz zu lernen und ihn immer mehr zu lernen, so dass man jegliches Handwerk, die Schrittfolgen, vergessen kann und sich GANZ hingeben kann. Das ist der Balanceakt, der mich unheimlich reizt. Außerdem ist das Malen für mich eine Form der Meditation und eine Meditation hat kein anderes Ziel als das zu erfassen, was da ist in einem oder im Augenblick  Das ist vielleicht auch ein Ziel : dass ich mir das weiter erhalte.

Vielen Dank für das Gespräch!
Dorothea Weisel

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